Das Problem der Schwäche des Christentums in Europa

Ein Sommergespräch mit Kurt Kardinal Koch. Teil 1: die Ökumene und das panorthodoxe Konzil. Der Missionsauftrag der Kirche und das Problem des Islam. Keine falsche Bescheidenheit. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) In einem Sommergespräch hat sich der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kurt Kardinal Koch, viel Zeit genommen, um sich mit wesentlichen Problematiken auseinanderzusetzen, die ihre große Relevanz in der letzten Zeit immer mehr bewiesen haben. 

In diesem ersten Teil widmete Koch seine Aufmerksamkeit dem im Juni 2016 zum Abschluss gekommenen panorthodoxen Konzil, dessen Stellenwert und Bedeutung für die Ökumene, um sich dann mit dem Missionsauftrag der Kirche gerade im Verhältnis zum Islam auseinanderzusetzen. Die aktuelle Situation der Massenimmigration in Europa von Menschen aus dem islamischen Kulturbereich macht eine eingehende Reflexion des Christentums über sein Wesen und seine Wirklichkeit notwendig: Das Christentum in Europa kann die Begegnung mit dem Islam nur bestehen, wenn es den in ihm fließenden Wärmestrom wieder entdeckt und die christlichen Wurzeln Europas nicht in einer falschen Bescheidenheit versteckt, sondern zu ihnen steht. Insofern besteht das Problem heute nicht so sehr in der Stärke des Islam, sondern in der Schwäche des Christentums in Europa.

Ich danke Seiner Eminenz für seine Freundlichkeit und das großherzige Geschenk seiner Zeit. A. Schwibach. 


Eminenz, Sie haben als Vertreter des Heiligen Stuhls die Arbeiten des sogenannten panorthodoxen Konzils auf Kreta (Juni 2016) beobachtet. Bei der Pressekonferenz während des Rückflugs von seiner Apostolischen Reise nach Armenien wurde Papst Franziskus nach seinem Urteil über diese Versammlung gefragt, das er als positiv bezeichnete. Trotz der Abwesenheit der Patriarchen von vier autokephalen Kirchen, unter diesen Kyrill, der Patriarch der größten orthodoxen Kirche, habe es sich um erste Schritte gehandelt, die so getan worden seien, wie es geht. Der Papst machte den Vergleich mit Krabbelkindern, die langsam das Gehen lernen.

Werbung


Wie beurteilen Sie Methode, Verfahren und Ergebnis des konziliaren Prozesses? Welchen Stellenwert nehmen die verabschiedeten Dokumente ein? Wird es möglich sein, ausgehend von diesen Dokumenten zu einem breiteren Konsens zu gelangen? 

Kardinal Koch: Es ist als positiv zu bewerten, dass das Konzil überhaupt stattgefunden hat. Kurz vor seinem Beginn schien es wegen der Nicht-Teilnahme von vier Kirchen in Frage gestellt. Es ist ebenso als positiv zu sehen, dass alle Dokumente, die vor dem Konzil vorbereitet worden sind, angenommen worden sind. Jetzt steht die Aufgabe der Rezeption dieser Dokumente an. Sie sind freilich nicht dogmatischer Natur. Denn die Orthodoxen Kirchen haben nicht den Eindruck, dass innerhalb der Orthodoxie Glaubensfragen strittig sind. Es sind vielmehr pastorale und disziplinäre Fragen, die behandelt worden sind. Dabei handelt es sich teilweise um kleine Schritte. Wenn ich an das Dokument über die Diaspora denke, so besteht das große Problem darin, dass in der heutigen Situation der Diaspora nach wie vor ein Grundprinzip der Orthodoxie verletzt wird, dass es nämlich in einer Stadt nur einen Bischof geben darf. Mit der Errichtung von orthodoxen Bischofskonferenzen in verschiedenen Ländern ist zwar ein Schritt gemacht, das Problem aber noch nicht wirklich gelöst.

Das auf dem Konzil am meisten diskutierte Dokument ist dasjenige über die Ökumene gewesen, weil es in der Orthodoxie diesbezüglich offensichtlich verschiedene Richtungen gibt. Die eine Richtung ist ökumenisch sehr offen, während eine andere Richtung eher ängstlich ist. Lange ist dem Vernehmen nach auch darüber diskutiert worden, wie die anderen christlichen Kirchen bezeichnet werden sollen, ob sie überhaupt Kirchen genannt werden können oder nicht. Nach langem Ringen hat man die Kompromissformel gefunden, dass die Orthodoxen die historische Bezeichnung als Kirchen anerkennen. Was damit genauer gemeint ist, wird freilich noch analysiert werden müssen, auch und gerade für den Dialog zwischen der Katholischen und der Orthodoxen Kirche.

Schwierig ist auch, dass im Dokument kein Unterschied zwischen der Katholischen Kirche, die dieselben ekklesialen Strukturen wie die Orthodoxe Kirche aufweist, und den anderen Kirchen gemacht wird. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass die Orthodoxie das Konzept der graduellen Zugehörigkeit zur Kirche, wie es im Zweiten Vatikanischen Konzil formuliert ist, nicht kennt, so dass nach dem Prinzip alles oder nichts geurteilt wird. Dies macht freilich den Dialog nicht leicht. Ich finde es aber gut, dass auch dieses Dokument vom Konzil angenommen worden ist. Dies ist als klares Signal dafür zu werten, dass die ökumenischen Beziehungen und Dialoge weitergehen sollen.

Nach dem Konzil bleibt auch die Frage, was jene Kirchen tun können, die nicht am Konzil teilgenommen haben. Sie haben jetzt die Möglichkeit, zu den Konzilsdokumenten Stellung zu nehmen und sie zu rezipieren. In der Orthodoxie ist es ja wichtig, dass Konzilsentscheidungen wirklich rezipiert werden. Dieser Prozess kann jetzt beginnen.

Sehen Sie eine Möglichkeit, diese Synode mit dem II. Vatikanischen Konzil zu vergleichen? 

Kardinal Koch: Was den Stellenwert des Panorthodoxen Konzils betrifft, ist festzuhalten, dass sein Charakter im Verhältnis zum Zweiten Vatikanischen Konzils ein anderer ist. Letzteres hat keine derart lange Vorbereitungszeit gehabt, die sich auf höchster Ebene abgespielt hat, aber es hat drei Jahre lang gedauert. Zudem wurden beim Panorthodoxen Konzil, wie bereits gesagt, keine dogmatischen Fragen im strengen Sinn behandelt, sondern vor allem pastorale und disziplinäre Fragen. Demgegenüber hatte das Zweite Vatikanische Konzil auch eine dogmatische Qualität, wie vor allem an den Dogmatischen Konstitutionen über die Göttliche Offenbarung und die Kirche sichtbar ist. Eine gewisse Ähnlichkeit könnte sich beim Verlauf zeigen: Bei der Vorbereitung des Zweiten Vatikanischen Konzils haben nicht wenige gemeint, dass es während ein paar Wochen über die Bühne gehen könnte; aus diesen paar Wochen sind dann aber drei Jahre geworden. Eine ähnliche Entwicklung könnte ich mir auch bei den Orthodoxen vorstellen, dass sich nach der Erfahrung eines einwöchigen Konzils die Überzeugung durchsetzt, dass es in absehbarer Zeit eines weiteren Konzils bedarf.

Ende Mai 2016 haben Sie in Ihrer Eigenschaft als Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen am Woolf Institute in Cambridge (Großbritannien) einen Vortrag gehalten. Im Zusammenhang mit dem Problem der gegenwärtigen Massenimmigration von Menschen aus muslimischen Kulturkreisen in Europa sollen Sie, wie von mehreren Medien weltweit verkürzt berichtet wurde, vom Auftrag der Christen zur Mission gegenüber den Muslimen gesprochen haben, was von einigen als Aufruf zum Proselytismus verstanden wurde. Dieser Vorgang veranlasste den Direktor des vatikanischen Presseamts, P. Federico Lombardi SJ, am 28. Mai zur Stellungnahme: Es ist nicht korrekt, Kardinal Koch eine Aufforderung zum Proselytismus gegenüber muslimischen Gläubigen zuzuweisen.

Worin sehen Sie angesichts des muslimischen Massenzustroms Chance und Auftrag für die Kirche in einem Europa, das zunehmend unter der Vergessenheit seiner christlichen Wurzeln leidet? 

Kardinal Koch: Der Hintergrund in Cambridge war eine Tagung mit Juden zur Vertiefung des theologischen Dialogs zwischen Christen und Juden. In dem Zusammenhang habe ich unterstrichen, dass der Evangelisierungsauftrag der Kirche gegenüber den Juden nicht in der gleichen Weise wahrgenommen werden kann wie gegenüber anderen Religionen. Ich habe in einem Interview auch gesagt, dass eine Bekehrung all jener notwendig ist, die im Namen der Religion Gewalt ausüben. Aus diesen Aussagen hat dann eine Zeitung die falsche Schlagzeile gemacht, ich hätte gesagt, dass alle Muslime bekehrt werden müssten.

Für die Katholische Kirche ist es selbstverständlich, dass sie einen Auftrag zur Evangelisierung gegenüber allen Menschen hat und deshalb ihren Glauben bezeugt. Die Frage ist die Art und Weise, in der sie diesen Evangelisierungsauftrag wahrnimmt. Diesbezüglich vertritt die Katholische Kirche die Überzeugung, dass der Proselytismus kein Weg ist. Dies hat Papst Benedikt XVI. in seiner gehaltvollen Predigt bei der Eröffnung der Generalversammlung der Bischöfe von Lateinamerika und der Karibik in Aparecida im Jahre 2007 klar gesagt: Die Kirche betreibt keinen Proselytismus. Sie entwickelt sich vielmehr durch Anziehung: Wie Christus mit der Kraft seiner Liebe, die im Opfer am Kreuz gipfelt, alle an sich zieht, so erfüllt die Kirche ihre Sendung in dem Maß, in dem sie, mit Christus vereint, jedes Werk in geistlicher und konkreter Übereinstimmung mit der Liebe ihres Herrn erfüllt. Die Frage ist also nicht, ob die Kirche Mission verwirklicht oder nicht, sondern auf welche Weise sie dies tut.

Man kann es in der deutschen Sprache auch mit dieser Unterscheidung ausdrücken, dass die Kirche die Menschen überzeugen, aber nicht überreden will. Denn das Überreden ist ein Vorgang, der die Freiheit des anderen nicht achtet, das Überzeugen hingegen verwirklicht sich im Raum der Freiheit des Menschen. Solches Überzeugen-Wollen ist natürlich auch im Gespräch mit dem Islam notwendig. Die Kirche hat den Auftrag der Evangelisierung, den sie aber in einer dialogischen Weise vollzieht, indem sie auch mit den Muslimen ins Gespräch kommt.

Ist die Förderung des Islams (Errichtung von islamischen Zentren, Moscheen, Glückwünsche für den Fastenmonat Ramadan, islamischer Schulunterricht, islamische Feiertage usw.) gerade auch durch Exponenten der katholischen Hierarchie die richtige Wahl? Wie kann sich das kalt gewordene Christentum gegenüber der heißen islamischen Religion positionieren? 

Kardinal Koch: Es ist richtig, dass man den Muslimen hilft, das Leben ihres Glaubens in unseren demokratischen Gesellschaften zu ermöglichen. Was ich etwas vermisse ist dies, dass man nicht ebenso klar von islamischen Ländern ein gleiches Verhalten gegenüber den Christen einfordert. Man kann sich nur glaubwürdig für die Errichtung von islamischen Institutionen in unseren westlichen Gesellschaften stark machen, wenn man sich zugleich dafür einsetzt, dass beispielsweise die griechisch-orthodoxe Hochschule auf der Insel Chalki in der Türkei wieder geöffnet werden kann. Man müsste hier noch mehr auf Gegenseitigkeit bestehen.

Mit der Präsenz des Islam in Europa wird eine problematische Grundüberzeugung in den westlichen Gesellschaften, nämlich die Abdrängung der Religion in die Privatsphäre des einzelnen Menschen, in Frage gestellt. Der Islam versteht sich demgegenüber als eine öffentliche Religion, die auch öffentlich sichtbar sein will. Insofern stellt der Islam in Europa auch eine Provokation insofern dar, als die weitgehende Privatisierung der Religion korrigiert werden muss. Denn eine Gesellschaft, die die Religion ganz in den Privatbereich abdrängt, kann interreligiös nicht dialogfähig sein.

Wenn Sie das kalt gewordene Christentum der heißen Religion des Islam gegenüberstellen, dann ist damit auch bereits ein Hinweis auf die Therapie gegeben: Das Christentum in Europa kann die Begegnung mit dem Islam nur bestehen, wenn es den in ihm fließenden Wärmestrom wieder entdeckt und die christlichen Wurzeln Europas nicht in einer falschen Bescheidenheit versteckt, sondern zu ihnen steht. Insofern besteht das Problem heute nicht so sehr in der Stärke des Islam, sondern in der Schwäche des Christentums in Europa.

http://www.kath.net