dpa Ausschreitungen beim Spiel England gegen Russland in Marseille.
dpa Ausschreitungen beim Spiel England gegen Russland in Marseille.

Russischer Politiker fordert Hooligans auf:

Der russische Parlaments-Vizepräsident Igor Lebedew hat die Fanausschreitungen von Marseille verteidigt. "Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden. Im Gegenteil, gut gemacht Jungs. Weiter so!", schrieb der Politiker der nationalistischen Liberaldemokraten am Montag auf Twitter. Lebedew ist auch Vorstandsmitglied des russischen Fußball-Verbandes. Er verstehe die Politiker und Funktionäre nicht, die die Fans kritisieren würden. "Wir sollten sie verteidigen und dann können wir es klären, wenn sie nach Hause kommen", äußerte Lebedew weiter.

Bei den Krawallen in Marseille rund um die EM-Partie Russland gegen England (1:1) waren nach Angaben des Staatsanwalts von Marseille, Brice Robin, etwa 150 russische Hooligans beteiligt. Keiner konnte festgenommen werden. 35 Menschen wurden verletzt, vier davon schwer, ein weiterer Mensch schwebte am Montag noch in Lebensgefahr. Was in Marseille und anderen französischen Städten passiert sei, "ist nicht die Schuld der Fans, sondern die Unfähigkeit der Polizei, solche Events angemessen zu organisieren", betonte Lebedew weiter. Die Hooligans hätten "die Ehre ihres Landes verteidigt und es den englischen Fans nicht gestattet, unser Land zu entweihen", sagte Lebedew. "Wir sollten vergeben und unsere Fans verstehen."

Engländer und Russen wollen derweil auf höchst unterschiedliche Weise den drohenden EM-Rauswurf abwenden. Angeführt von Kapitän Wayne Rooney und Trainer Roy Hodgson richteten die Engländer am Montag einen eindringlichen Videoappell an ihre Fans in der Heimat und in Frankreich. Die russische Nationalmannschaft blockte in ihrer Unterkunft vor den Toren von Paris alle Fragen zu nicht sportlichen Themen ab.

Lediglich Russlands Nationalspieler Roman Neustädter reagierte enttäuscht, sieht aber keine Möglichkeiten der Einflussnahme. "Wir können das nicht verhindern. Wir haben natürlich eine Vorbildfunktion, aber wie soll ich für diese Leute noch Vorbild sein? Wir können diese Schläger gar nicht erreichen", sagte der Bundesliga-Profi des FC Schalke 04 am Montag dem Magazin Vice.

Die Uefa gerät derweil in der neu entflammten Diskussion um die Hooligangewalt als Organisator des Mammut-Turniers immer mehr in die Kritik. Riskante Spiel-Ansetzungen, kein sinnhafter Kampf gegen Hooligans und Zensur bei TV-Bildern lauten die Vorwürfe an die Europäische Fußball-Union. Die Uefa verkündete am Montag nach der Rauswurf-Drohung gegen England und Russland und der Aufstockung des Sicherheitspersonals für alle Spiele keine weiteren Maßnahmen.

Keine Ermittlungen wird es nach der Auseinandersetzung zwischen deutschen und ukrainischen Fans am Sonntagabend in Lille geben. Vor der Partie der DFB-Elf waren zwei Menschen leicht verletzt worden. Rund 50 deutsche Hooligans hatten mehrere ukrainische Fans in der Innenstadt von Lille angegriffen. Kritische Fragen muss sich die französische Polizei gefallen lassen.

Trotz Tränengaseinsatz und massiver Präsenz konnte bei den Krawallen in Marseille keiner der etwa 150 beteiligten russischen Hooligans festgenommen werden, wie der Staatsanwalt von Marseille, Brice Robin, berichtete. "Das sind Leute, die für sowas trainieren", sagte er. Nur zwei Russen wurden des Landes verwiesen. Noch am Montag sollten zehn Verdächtige vor Gericht kommen - sechs Briten, drei Franzosen und ein Österreicher, wie der Ankläger sagte.

Insgesamt waren 20 mutmaßliche Randalierer festgenommen worden - auch ein Deutscher. Dieser gehört jedoch nicht zum Kreis derer, die sich nun dem Schnellverfahren stellen sollten. Die größte Sorge: Nach den mehrtägigen Krawallen von Marseille könnte es bereits beim zweiten Gruppenspiel der Engländer gegen Wales am Donnerstag in Lens den nächsten brenzligen Zusammenstoß mit russischen Hooligans geben, deren Mannschaft am Vortag im nahen Lille gegen die Slowakei antritt.

"Es benötigte nicht das allergrößte Gehirn, um festzustellen, dass Lens Probleme haben wird, eine solche Menschenmenge unterzubringen", kritisierte die englische Zeitung Daily Mail die Ansetzung des ohnehin brisanten Briten-Duells in der kleinsten EM-Stadt. Die Uefa hatte nach der Auslosung im Dezember jede Änderung der den Spielorten zufällig zugelosten Partien abgelehnt.

Die Androhung eines EM-Ausschlusses durch das Uefa-Exekutivkomitee für Mannschaften wegen Fangewalt wird von Hooligan-Experten skeptisch beurteilt. "Das ist ja gerade die Motivation der Hooligans. Das wäre der allergrößte Erfolg für die Hooligangruppen, wenn die sowas hinkriegen würden", sagte der Würzburger Professor Harald Lange, Leiter des Instituts für Fankultur, der Deutschen Presse-Agentur.

Das würde die englische Strategie ad absurdum führen, denn die Three Lions baten ihre Fans eindringlich um Vorsicht und Vernunft. Mit ernstem Blick rief Rooney die Fans zur Ordnung auf. "Wir stehen vor einem großen Spiel gegen Wales. Ich möchte die Fans bitten: Wenn ihr kein Ticket habt, reist nicht!", betonte der 30-Jährige in einer Video-Botschaft von Englands Verband FA am Montag. "Und an die Fans mit Karten: Bleibt sicher, seid vernünftig und setzt eure großartige Unterstützung für die Spieler fort."

Auch Coach Roy Hodgson zeiget sich nach den erschreckenden Ausschreitungen von Marseille "sehr besorgt" über die letzte Warnung durch das Exekutivkomitee der Europäische Fußball-Union. "Ich appelliere an alle unsere Fans: Haltet euch aus Ärger heraus und versucht, dass diese Drohungen niemals wahr gemacht werden", sagte der Trainer. FA-Generalsekretär Martin Glenn erklärte, dass sein Verband den UEFA-Brief "mit allergrößter Ernsthaftigkeit" behandle.

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